Janine Berg-Peer/ März 15, 2013/ Alle Artikel/ 3Kommentare

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„Geheimheime“ in Berlin für „schwierige“ psychisch Kranke

Schwierige psychisch Kranke ausgesondert? Immer mehr chronisch Kranke werden dauerhaft in Heime „weggesperrt“, in denen sie dahinvegetieren. Sie werden als Auffangbecken genutzt, wie Christiane Tamitz in ihrem Artikel „Unter Ausschluss“ im Berliner Tagesspiegel schreibt. Als Auffangbecken für diejenigen, mit denen niemand mehr fertig wird, für die schwierigen psychisch Kranken, um die sich keine Angehörigen oder Freunde kümmern wollen oder können. Und – vor allem – die vom sozialpsychiatrischen System fallen gelassen werden. Man wird mit ihnen nicht fertig, man will sie nicht mehr. Sie sind  „austherapiert“. 

Die politisch Verantwortlichen in Berlin scheinen das Problem zu kennen und  reden darüber. Reden. Genaue Informationen und vor allem eine Verbesserung der Situation scheint nicht in Sicht. Es scheint so zu sein, dass immer mehr Personen mit einem öffentlichen Vormund in Pflege-, Kranken-, oder Obdachlosenheim abgeschoben werden.

Haben „schwierige“ Patienten kein Recht auf eine gute Therapie?

Kann sich das System aussuchen, wen es gut behandelt und wen nicht? Als Angehörige habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass „schwierige“ Patienten in Kliniken, Tageskliniken oder Institutionen des sozialpsychiatrischen Systems ungern gesehen werden. Aber „schwierige“ psychisch Kranke werden auch von anderen Patienten, von Freunden und von der Familie nicht immer mit offenen Armen empfangen. Aber die psychisch Kranken  haben sich das „Schwierigsein“ nicht ausgesucht. „Schwierig zu sein“ kann ein Symptom von psychischen Erkrankungen sein, die Betroffenen dürfen dafür nicht bestraft werden. 

Wir alle müssen unser Verhalten gegenüber „schwierigen“ Kranken überdenken!

Es ist leicht, auf öffentliche Betreuer und die Mängel des Gesundheitssystems zu schimpfen. Es ist nicht nur leicht, es ist auch oft sehr berechtigt. Aber das passiert nicht außerhalb der Gesellschaft und die Gesellschaft sind wir alle. Wir Angehörigen müssen uns immer wieder um unsere erkrankten Familienmitglieder kümmern – oft auch, wenn sie das selbst nicht wollen, wenn es schwierge psychisch Kranke sind. Ich habe viele Betroffene gesprochen, die seit Jahren keinen Kontakt zu ihren Familien haben, vielleicht, weil sie „schwierig“ sind und weil die Angehörigen nicht mit der Krankheit umgehen können. Dabei sind es doch die Erkrankten, die mit ihrer Krankheit umgehen müssen. Sie haben keine Wahl! Für uns Angehörige ist es auch oft „schwierig“, aber sicher nicht so schwierig, wie für die Betroffenen selbst. Aber auch Freunde ziehen sich zurück, weil sie es „schwierig“ finden. Und auch andre Betroffenen sind nicht immer freundlich und verständnisvoll miteinander.

Um Demenzkranke müssen wir uns kümmern, aber um „schwierige“ psychisch Kranke nicht?

Keine Woche vergeht, in der nicht darüber getalkt wird, wie wichtig ein behutsamer und einfühlsamer und liebevoller Umgang mit Menschen ist, die an Demenz erkranken. Klar, die Demenz kann uns alle ereilen, daher sind  Alte und Junge da sehr sensibel. Aber eine psychische Krankheit? Das wird uns nicht passieren, das sind die anderen. Darüber wird vor allem geredet, wenn ein entsetzliches Gewaltverbrechen die Medien und uns Zuschauer in Atem hält.

Wer einmal vom Radar des sozialpsychiatrischen Systems verschwunden ist…

…hat schlechte Karten. Niemand sucht sie auf, niemand kümmert sich um sie, wenn sie sich – krankheitsbedingt – in ihre Wohnungen zurückziehen. Niemand schaut nach, wenn sie nicht in der Lage sind, aktiv Hilfe für sich zu mobilisieren. Wer das nicht tut oder nicht gleich begeistert allem zustimmt, was ihm vorgeschlagen wird, gerät leicht in die Gefahr, als „schwierig“ zu gelten. Wenn das sozialpsychiatrische System, die Politik usw. und auch  wir alle uns mehr aktiv um psychisch Kranke und die Verbesserung ihrer Situation kümmern würden, dann wären auch nicht so viele so lange „schwierig“.

Man kann Christiane Tramitz für diesen Artikel nur danken. 

http://www.tagesspiegel.de/berlin/psychisch-kranke-in-berlin-unter-ausschluss/7900466.html

 

 

 

 

 

Über Janine Berg-Peer

Seit 55 Jahren bin ich Angehörige: Meine Mutter litt an einer bipolaren Erkrankung und meine Tochter erkrankte vor 18 Jahren an Schizophrenie, heute sprechen die Ärzte von einer schizo-affektiven Erkrankung. Beide hatten und haben mehr gute Zeiten als schlechte, selten sind Menschen mit Krisengefährdung immer krank. Ich möchte Angehörige unterstützen, ihnen aus meinen Erfahrungen berichten und sie beraten. Ich freue mich trotz allem immer noch am Leben, lese viel und schreibe an meinem nächsten Buch, zusammen mit meiner Tochter! Ich liebe Bücher, Kartäuserkater, Rosen, Opern und Countertenöre, Filme, vor allem koreanische, japanische und chinesische, kann nicht Fahrradfahren. Ich wäre gern Léa Linster.

3 Kommentare

  1. Ich kenne diesen Artikel aus dem Tagesspiegel. Leider habe ich gerade mit meinem gerade 21-jährigen Sohn die Erfahrung mit einem dieser Pflegeheime machen müssen. Mein Sohn gilt als „sehr schwerer Fall“, er vegetierte in dem Heim ein halbes Jahr vor sich hin, zwischen lauter alten Menschen. Es gibt dort weder ausgebildetes Pflegepersonal für Schizophrenie-Erkrankte, noch hat das Heim einen Sozialarbeiter. Es hat mich einige Kraft gekostet, dafür zu sorgen, dass er dort wieder herauskommt und nicht aufgegeben wird, sondern die Chance auf eine seiner Krankheit angemessene Behandlung bekommt. Es ist ein Alptraum, das so etwas möglich ist!

    1. Das tut mir sehr leid für Sie und Ihren Sohn. Wir müssen einfach mehr Öffentlichkeit schaffen für diese Zustände.
      Alles Gute,

      Janine Berg-Peer

  2. Guten Tag, liebe Frau Berg-Peer und liebe Frau Solina S.
    ich bin die Autorin des oben angesprochenen Tagesspiegelartikels und würde gerne zu Angehörigen von psychisch Kranken Kontakt aufnehmen, da ich an einer weiteren Publikation zum obigen Thema (Geheimheim, Zwangsunterbringung…) arbeite und nach Fakten suche. Wären Sie bereit, mit mir zu sprechen?
    Freundliche Grüße
    Christiane Tramitz

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