Janine Berg-Peer/ November 28, 2019/ Alle Artikel, Angehörige, Vorträge/ 0Kommentare

„Hoffnung und Zuversicht in der Pflege“ DGPPN Workshop

Gestern, am 27.11.2019, haben meine Tochter Henriette Peer und ich zusammen mit Dr. Gianni Zuaboni aus Kilchberg in der Schweiz einen Workshop mit Pflegenden auf dem DGPPN-Kongress 2019 durchgeführt. Es ging darum, wie Pflegende Hoffnung und Zuversicht in ihre tägliche Arbeit auf Akutstationen in der Psychiatrie verbreiten, aber auch für sich selbst behalten können. Gianni Zuaboni referierte über Forschungsergebnisse zum Thema Pflege. dabei geht es sowohl um die Herausforderungen dieser Arbeit, als auch darum, wie eine gute Arbeit auch mit schwierigen Patient*innen gelingen kann.

Ich erzählte von meinen nicht immer guten Erfahrungen mit Pflegenden auf vielen Stationen, die ich in den letzten 22 Jahren erleben musste. Man wird als Angehörige nicht begrüßt, unwirsch angefahren, wenn man fast demütig am Stationszimmer um etwas bittet. Vor allem aber wird nichts erklärt, nicht die Abläufe auf der Station, nicht, welche Zuständigkeiten es gibt und nicht, wann etwa ein besuch sinnvoll ist und wann er eher stören kann. Das ist vor allem für Angehörige schwierig und entmutigend, die noch wenig Erfahrung haben mit dem Leben im Krankenhaus. Wir sind ohnehin so verzweifelt, weil wir unser Kind ins Krankenhaus bringen mussten, da wäre ein freundliches Wort und ein wenig Hilfestellung sehr willkommen.

„Hoffnung und Zuversicht in der Pflege“ DGPPN Workshop

Es ist mir nicht leicht gefallen, diese Kritik zu äußern, weil die Pflegenden, die vor uns saßen, ganz besonders nett waren, davon berichteten, dass das in ihren Häusern ganz anders gehandhabt wird. Bei den Wortmeldungen wurde deutlich, wie sehr sie sich für ihre Patienten engagieren, wie wichtig ihnen die Beziehungen zu ihnen ist, weil sie überzeugt davon sind, dass es gerade ihre Beziehung ist, die den Betroffenen auch hilft. Erzählen wir das vor den falschen Pflegenden? Sind die, die das mal hören sollten, einfach nie bei solche Veranstaltungen? Ist es vielleicht auch einfach schon zu lange her und ist die Situation heute ganz anders? Ich glaube, dass sich viel gebessert hat, das hat meine Tochter auch bei ihrem letzten Krankenhausaufenthalt gemerkt. Aber, sie war kurz vorher in einem anderen Krankenhaus, aus dem ich sie mit Hilfe des Chefarzt des „netten“ Krankenhauses „retten“ konnte. Sie war viel zu hoch dosiert wurden mit Medikamenten, die aus der Sicht des netten Krankenhaus absolut nicht sinnvoll waren für ihren Zustand. Nachts um 12:00 wurde im alten Krankenhaus der Raucherraum abgeschlossen – was macht dann der Patient in einer Manie, der einfach nicht schlafen kann? Als ich ihr eine neue Plastikflasche (Plastik!) holen wollte, die allen Patienten kostenlos gegeben wurde, damit sie sich am Wasserspender ständig Wasser holen konnten (es war der extrem heiße Sommer), weil sie nicht mehr wusste, wo die Flasche war, wurde ich unfreundlich gemacht, sie müsse schließlich auf ihre Flasche Acht geben. Leute! Meine Tochter war hochmanisch und im Krankenhaus! Sie würde ihre Flasche vermutlich mehrfach am Tag irgendwo verlieren, wobei sich diese blöden Flaschen sicher irgendwo wieder anfinden würden. Es sind auch diese kleinen Dinge, diese sinnlosen Regeln, die das Leben eines Patienten in der Psychiatrie so wenig erträglich machen können. Sobald sie im „netten“ Krankenhaus war, war ihre Aufregung weg, sie fühlte sich wohl, sie blieb dort so lange wie erforderlich und willigte sogar danach noch ein, für sechs Wochen die Tagesklinik zu besuchen. Ich konnte im Verhalten der Pflegenden, aber auch er Ärzte, einen Unterschied wie Tag und Nacht ausmachen.

„Hoffnung und Zuversicht in der Pflege“ DGPPN Workshop

Ich glaube, dass Henriettes Beitrag besonders interessant und wichtig für die Pflegenden war. Sie hat vor allem darum geworben, die Patienten nicht nur als Patienten zu sehen, sich nicht nur um Medikamente und Symptome zu kümmern, sondern die Patienten auch auf ihre persönliches Leben außerhalb ihrer Krisen anzusprechen, sie nach ihren Zielen und Vorhaben zu fragen. Aber vor allem auch etwas von sich selbst zu erzählen. Sie fühle sich weniger als Patientin, wenn sich die Pflegenden auch für ihre Arbeit interessieren, oder für ihre Katze oder für ihre Pläne für die nächsten Jahre. Sie fühle sich auch als Mensch akzeptiert, wenn die Pflegenden auch etwas über sich selbst erzählten.

Es sei nett, sich über die Katzen, oder die Kinder, oder, wie einer der Pflegenden erzählte, von seinem Hobby Motorradfahren zu unterhalten. Die Patienten fänden es interessant, wenn er ihnen auch seinem Handy zeigte, welche Routen er abfährt. Henriette fand es schön, sich zusammen mit einer Pflegerin über ihr Enkelkind zu unterhalten und Fotos anzusehen. Sie erzählte, dass in den Morgenrunden Patienten und Fachpersonen zusammen säßen, aber nur sie als Patienten müssten erzählen, wie es ihnen geht. Die Fachpersonen würden sich bedeckt halten. Das sei doch ein ungleiches Machtverhältnis, was nicht dazu beitrage, dass man sich als gleichwertiger Mensch akzeptiert fühle.

„Hoffnung und Zuversicht in der Pflege“ DGPPN Workshop

Es war ihr auch wichtig, die Pflegenden darum zu bitten, freundlich zu den Patienten zu sein. „Auch wenn wir in unserer Krisen nicht nett sind, aber das ist eben unser Krise. Das können wir nicht kontrollieren, eine psychische Krankheit ist auch immer ein Kontrollverlust. Aber wir merken sehr genau, ob jemand uns gegenüber freundlich ist der nicht.“ Gerade in ihren Krisen, in denen Patienten oft sehr leiden und auch sehr dünnhäutig seien, sei diese Freundlichkeit wichtig. Vor allem solle nicht von den Verhaltensweisen  in einer Krise auf den Charakter des Patienten geschlossen werden. „Es ist nicht unser Charakter, es ist die Krise!“ erklärte sie.

Daran schloss sich eine gute Diskussion, in der die Pflegenden aus ihren Erfahrungen erzählten, auch, dass an manchen Häusern die Angehörigenarbeit ganz groß geschrieben würde und wie sehr es auch ihnen gut tut, wenn sie Menschen wieder begegnen würden, denen es wieder gut geht und die sie vorher nur in der Krise gesehen hätten. Sie fanden es auch schön, wenn Patienten, wenn sie zur PIA gingen, dann auch mal kurz auf der Station Hallo sagen würde.

Gianni Zuaboni hatte darauf hingewiesen, dass es nicht immer einfach sei für Fachpersonen, Hoffnung für den einzelnen Patienten immer aufrecht zu erhalten, wenn man ihn doch nur in der Krise kennenlernen würde. Eine junge Ergotherapeutin erzählte, dass sie ihren Patienten erlaube, sie auch nach der Klinik anzurufen oder ihr zu mailen und von sich zu berichten. Nein, sagte sie auch Nachfrage, das würde von den Patienten nicht ausgenutzt. Und sie freue sich, wenn sie von den Fortschritten ihrer ehemaligen Patienten höre.

„Hoffnung und Zuversicht in der Pflege“ DGPPN Workshop

Es war eine richtig gute Veranstaltung, gute Diskussion, die noch viel länger hätte sein können. Gianni Zuaboni mit seinen meisterhaften Moderationsfähigkeiten brachte es aber fertig, immer wieder zum roten Faden zurückzukehren und einen Abschluss zu wählen, der bei allen ein gutes Gefühl hinterließ. Ich sage nur „…trockene Bohnen…“. Was das ist? Na, dann müssen Sie einfach mal zu einem Workshop mit Gianni Zuaboni kommen.

 

Über Janine Berg-Peer

Seit 55 Jahren bin ich Angehörige: Meine Mutter litt an einer bipolaren Erkrankung und meine Tochter erkrankte vor 18 Jahren an Schizophrenie, heute sprechen die Ärzte von einer schizo-affektiven Erkrankung. Beide hatten und haben mehr gute Zeiten als schlechte, selten sind Menschen mit Krisengefährdung immer krank. Ich möchte Angehörige unterstützen, ihnen aus meinen Erfahrungen berichten und sie beraten. Ich freue mich trotz allem immer noch am Leben, lese viel und schreibe an meinem nächsten Buch, zusammen mit meiner Tochter! Ich liebe Bücher, Kartäuserkater, Rosen, Opern und Countertenöre, Filme, vor allem koreanische, japanische und chinesische, kann nicht Fahrradfahren. Ich wäre gern Léa Linster.

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