Janine Berg-Peer/ Mai 28, 2018/ Alle Artikel/ 0Kommentare

Claudia Richter: Wir brauchen Orientierung!

Ich habe Claudia Richter auf einer Lesung kennengelernt, bei er sie als Betroffene einen klugen, lebendigen und wichtigen Beitrag über ihre Sicht vortrug – wir haben uns gleich gut verstanden. Seither sind wir locker in Kontakt – über Facebook und auch über Buchprojekte. Nun hat sie mir einen Vortrag geschickt, den sie anlässlich von zwei Jubiläen in Heidelberg hielt. Ich finde ihn sich wichtig, dass ich sie gefragt habe, ob sie mir erlaubt, ihn hier zu veröffentlichen. Ich darf. Hier ihr Vortrag am 25.4.2018 in Heidelberg.

Claudia Richter: Wir brauchen Orientierung!

Liebe Anwesende,

gleich zwei Jubiläen: SPDI 30 Jahre; TAST 35 Jahre. Da gibt es aus Sicht der Selbsthilfe einiges zu bemerken.

Denn, erlebt unsereins, erleben wir, eine oder mehrere Episoden im psychischen Ausnahmezustand, haben möglicherweise einen oder mehrere Klinikaufenthalte hinter uns, haben Anknüpfpunkte an unser bisheriges Leben verloren (Freunde weg, Partner weg, Job weg) stellt sich die Frage der Alltagsbewältigung, stellt sich die Frage der Selbstbestimmtheit. Nicht selten ist auch das finanzielle Auskommen gänzlich ungesichert. Aber ich möchte doch wieder am Leben teilhaben, möchte es am liebsten wieder selbst aktiv gestalten….doch ganz oft ist der Antrieb weg, ganz weg kann er sein, krankheitsbedingt oder umständehalber bedingt. Meine Angehörigen mögen mit dieser Situation überfordert sein oder ich selbst möchte meine Angehörigen damit nicht belasten; möchte meine Selbstbestimmtheit bewahren.

Claudia Richter: Wir brauchen Orientierung!

Wenn unsereins die Krankheit ereilt, befindet sich ein jeder in einer verschiedenen Lebenslage; die jeweiligen potenziellen Konfliktsituationen kann man unmöglich vereinheitlichen; es gilt, persönliche Lösungswege zu finden. Meiner Erfahrung nach, kann das klinische Setting das unmöglich leisten. Sehr schlimm für uns, da die

FID-Fest

Angehörigen ja meist hoffen, wenn der Betroffene einmal in der Klinik ist, wird wieder alles gut. Nein, nicht selten kommt man da orientierungslos wieder raus.

Was meine ich mit Orientierung? Nun, akzeptieren, dass ich ein gesundheitliches Problem habe…ein erster wichtiger Schritt. Krankheitsuneinsichtigkeit ist, nicht zuletzt krankheitsbedingt, weit verbreitet, hilft einem für eine konstruktive Zukunft aber nicht weiter.

Ähnlich belastend mag nach einer psychischen Episode /Eskapade das Verhalten ehemaliger Freunde sein – ja, ehemalig, denn sie wenden sich ab, sind ebenso überfordert. Ganz zu schweigen vom Arbeitgeber: der möchte, dass sein Laden läuft und kann es sich einfach nicht leisten, wenn jemand großangelegt fehlt. Außer ich arbeitete in einem Großkonzern; hier kann man mir nicht so einfach kündigen. Aber auch hier wird es schwer „zurückzukommen“, denn im Gegensatz zu einer somatischen Krankheit komme ich bei einer Beschreibung ja in Erklärungsnot; soll ich etwa berichten: „Gott hat mit mir gesprochen“ oder „ich war nicht mehr in der Lage, mich morgens adäquat anzuziehen, es fiel mir einfach zu schwer“? Wie soll mein Kollege/meine Kollegin dies unvoreingenommen kapieren, gar annehmen?

Claudia Richter: Wir brauchen Orientierung!

Zur Krankheitsbewältigung reicht es aber auch nicht, einfach zu versuchen, da weiter zu machen, wo ich vor der Krankheit aufgehört habe. Im Zeitalter der Schwierigkeiten einen passenden Therapieplatz überhaupt zu erhalten, ist es doch umso schöner, wenn man weiß, man ist mit der vorbeschriebenen Problematik nicht alleine und kann Hilfe erfahren – hier: beim SPDI, in der TAST – die sich nicht nur auf einen einmaligen Kontakt (Beratung) beschränkt, sondern die nachhaltig, aufbauend auf die persönlichen Bedürfnisse ausgerichtet ist. Soziotherapie ist von unschätzbarem Wert und wird, vom Arzt verordnet, von den Krankenkassen bezahlt.

Ich kam durch die HEIPER (Heidelberger Initiative Psychiatrie Erfahrener) in diese Räumlichkeiten, denn viele lange Jahre

 

schon dürfen wir hier gegen ein geringes Entgelt 2 Mal im Monat unsere Treffen abhalten. 2002 gegründet, fanden die Treffen zunächst im Heidelberger Selbsthilfebüro statt; durch die Möglichkeit hier jedoch auch eine Küche benützen zu dürfen, wechselten wir gerne sehr bald hier hin und seither ist die allgemeine Brotzeit zum Ende unserer Zusammenkünfte nicht mehr wegzudenken. Veranstaltungen anl. des Welttages der Seelischen Gesundheit konnten wir hier auch stattfinden lassen und eine Zeitlang schmückte auch ein Foto von der Frontseite dieses Hauses unseren Flyer.

Claudia Richter: Wir brauchen Orientierung!

Jeder Mensch sucht Anschluss, braucht Anschluss, braucht andere Menschen meiner Meinung nach; man

FID-Fest

möchte sich doch nicht verstecken und offen reden können. Einsamkeit und Isolation sind traurig, sind auch nicht fördernd, denn es mangelt an fremden Input, der entlastend, befreiend und aufbauend sein kann. Und dieser Input lässt sich in der Tagesstätte finden: hier wird verstanden und gewusst, worum es geht. Und ich erhalte verlässliche Struktur, wenn ich mich für regelmäßige Besuche entscheide. Die Bedeutung einer Strukturgebung eines Tages darf man nicht unterschätzen.

In diesem Miteinander kann es also Schritt für Schritt vorwärts gehen; vorsichtig tastend, mit wohlwollender Hilfe. Lieber SPDI, liebe Tagesstätte: danke für die gemeinsame Zeit. Die HEIPER und ich wünschen noch viele erfolgreiche weitere Jahre!

Lesegeschenk

Claudia Richter, Expertin in eigener Sache

Claudia Richter ist jetzt 52 und seit Jahren aktiv in der Selbsthilfe, auch im Heidelberger Beirat von Menschen mit Behinderungen. Sie ist außerdem Mitorganisatorin der jährlichen Mut-Tour, bei der sie natürlich auch mitradelt. Ausserdem hat sie eine wunderbare Webseite, auf der man noch mehr von ihr und ihren Aktivitäten finden kann.

www.wahnsinnstheater.de

Dort findet man auch die Termine für die kommenden Mut-Touren!

Von mir einen großen Blumenstrauss für Claudia Richter! Sie ist ein gutes Beispiel für viele Betroffene, die sich mit Kraft, Mut und Entschlossenheit wieder aus den Krisen herausarbeiten. Sie brauchen unsere Unterstützung und wir können von ihnen lernen, welche Unterstützung sie benötigen und sich wünschen.

 

 

 

 

 

 

Über Janine Berg-Peer

Seit 55 Jahren bin ich Angehörige: Meine Mutter litt an einer bipolaren Erkrankung und meine Tochter erkrankte vor 18 Jahren an Schizophrenie, heute sprechen die Ärzte von einer schizo-affektiven Erkrankung. Beide hatten und haben mehr gute Zeiten als schlechte, selten sind Menschen mit Krisengefährdung immer krank. Ich möchte Angehörige unterstützen, ihnen aus meinen Erfahrungen berichten und sie beraten. Ich freue mich trotz allem immer noch am Leben, lese viel und schreibe an meinem nächsten Buch, zusammen mit meiner Tochter! Ich liebe Bücher, Kartäuserkater, Rosen, Opern und Countertenöre, Filme, vor allem koreanische, japanische und chinesische, kann nicht Fahrradfahren. Ich wäre gern Léa Linster.

Hinterlasse eine Kommentar