Janine Berg-Peer/ September 15, 2013/ Alle Artikel/ 0Kommentare

05_AngehoerigeAngehörige forden: Die Deklaration von Dublin 2013

Im Mai 2013 fand in Dublin eine Tagung von EUFAMI statt, der europäischen Dachorganisation aller europäischen Angehörigenverbände. Thema war die Vision einer wirklich guten Versorgung für psychisch Kranke. Im Anschluss an die Tagung haben wir gemeinsam einen Deklaration erarbeitet und sie wurde einstimmig von allen Delegierten angenommen.

Die Deklaration von Dublin*

Eine Vision von EUFAMI die für die Zukunft von Familien

Allen Familien und Personen, die von psychischen Erkrankungen betroffen sind, müssen zu jeder Zeit die gleichen Ansprüche, Rechte und Möglichkeiten gewährt werden, die jedes andere Mitglied der Zivilgesellschaft hat. Gleichzeitig müssen sie befähigt werden, an der Gemeinschaft, in der sie leben, zu partizipieren.

Die Rolle der Familien03_Forschung

  • Die zentrale Rolle und die Rechte von Familien in der Betreuung und Behandlung von psychisch Kranken muss in ganz Europe vollständig anerkannt und auch ermöglicht werden. Angehörige müssen als gleichberechtigte Partner/innen mit den professionellen Betreuer/innen und den von psychischen Erkrankungen Betroffenen anerkannt werden, wenn es um Entscheidungen hinsichtlich Planung und der Umsetzung von Behandlung und Betreuung geht.
  • Familien und einzelne Familienmitglieder haben das Recht, die Rolle zu wählen und zu definieren, die sie bereit und in der Lage sind, zu übernehmen. Das beinhaltet sowohl das Recht, nicht direkt in die Betreuung ihrer Familienmitglieder einbezogen zu sein, als auch sehr wohl in die Planung der Betreuung, Kampagnen oder die Kontrolle mit einbezogen zu sein.
  • Familien dürfen nicht diskriminiert werden oder auch rechtlich und finanziell für das von psychischer Krankheit betroffene Familienmitglied verantwortlich gemacht werden. Das staatliche Gesundheitswesen muss so ausgerichtet sein, dass Angehörige ihre persönliche Wahl treffen können, ohne ein Gefühl persönlicher Schuld haben zu müssen.

01_TagebuchDie Bedürfnisse von Familien

  • Die eigenen Bedürfnisse von Angehörigen und Freund/innen von psychisch Kranken nach Unterstützung und Verständnis müssen anerkannt werden. Von staatlichen Stellen muss dafür Unterstützung zur Verfügung gestellt werden. Familien müssen das Recht und die Möglichkeit haben, ihre emotionalen, praktischen und finanziellen Bedürfnisse darzulegen, um dann in die Lage versetzt zu werden, die notwendigen Copingstrategien zu erwerben und ihrer Betreuerrolle gerecht zu werden.
  • Auch Familien brauchen Betreuung, um sicherzustellen, dass ihre eigene physische und psychische Gesundheit gut erhalten und unterstützt wird. Es ist belegt, dass dieses bislang nicht passiert und dass auch die Gesundheit von Familienmitgliedern unter der Situation leidet. Depressionen in Familien nehmen zu; häufig nicht diagnostiziert. Auch Familien sollten routinemäßig einen schriftlichen Bericht über ihre eigenen Bedürfnisse und Situation erhalten und diese sollten kontinuierlich beurteilt werden. Gleichzeitig muss ein Plan erstellt werden, wie diese Bedürfnisse berücksichtigt werden und auch die Umsetzung überprüft wird.
  • Das Bedürfnis von Familien und Betreuern, sich selbst von ihren Erfahrungen und dem Trauma der psychischen Krankheit zu erholen, muss formal anerkannt werden, und es muss auch Angebote geben, die auch Recovery für Angehörige ermöglichen.

Öffentliche Hand und gesetzliche Dienstleistungen04_Filme

  • Es muss müssen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, die Angehörige in die Lage versetzen, ihrer Rolle effektiv gerecht zu werden. Das kann finanzielle Ressourcen für Training, Beratung oder andere emotionale Hilfe beinhalten, für Informationen und finanzielle Mittel etwa für Kuren oder Reisekosten zu den psychisch kranken Familienmitgliedern.
  • Diese Ressourcen müssen nach und nach planmäßig zur Verfügung stehen, um die Bedürfnisse der Familien zu berücksichtigen. Dabei kann es sich um Informationen, Weiterbildung zum Erwerb neuer Fertigkeiten handeln (zum Beispiel Früherkennung von Rückfallsymptomen, Kommunikation und Problemlösungstechniken) oder auch um Unterstützung für die Angehörigen selbst, zum Beispiel Beratung, das öffentliche Eintreten für ihre Rechte, die Unterstützung von Selbsthilfegruppen für Angehörige, telefonische Hilfsangebote, Peer-Unterstützung (von Angehörigen zu Angehörigen), für eine Auszeit oder Atempause, oder die Unterstützung, um die eigene Rolle zu identifizieren und zu finden.
  • Der Gesetzgeber muss proaktiv evidenzbasierte Dienste zur Verfügung stellen, in denen Angehörigen dabei geholfen wird, ihre erkrankten Familienmitglieder optimal zu unterstützen und eine Rolle bei der Behandlung zu spielen. Diese Dienste dürfen nicht Freiwilligengruppen überlassen werden. Die Evidenz für Notwendigkeit familiärer Interventionen liegt nun seit 30 Jahren vor, und es ist eine fahrlässig, dass diese Ansätze nicht weiträumig zur Verfügung stehen.
  • Die Entwicklung einer flächendeckenden gemeindenahen Psychiatrie ist sowohl notwendig als auch wünschenswert, wenn Recovery eine realistische Möglichkeit sein soll. Es ist jedoch absolut notwendig, dass in diesen gemeindenahen Dienstleistungen auch die angesprochenen Angebote für Angehörige zur Verfügung gestellt werden. Nur so sind diese in der Lage, eine optimale Betreuung an der Basis zu gewährleisten. Der Austausch von Informationen über das Wohlbefinden der von psychischer Krankheit Betroffenen ist von zentraler Bedeutung.

*Die Deklaration von Dublin wurde einstimmig von den Delegierten der EUFAMI Conference in Dublin, Irland am 24. Mai 2013 angenommen, die aus Anlass des 20jährigen Bestehens von EUFAMI unter der Schirmherrschaft von seiner Exzellenz, Michael D. Higgins, dem Präsidenten von Irland, stattfand. Die Konferenz wurde offiziell veröffentlicht von Kathleen Lynch, Staatsministerin und zuständig für psychische Gesundheit. Dr. Tonio Borg, der EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherfragen begrüßte ebenfalls die 190 Delegierten aus 21 europäischen Ländern

Bildnachweis: © w.r.wagner / pixelio

 

Über Janine Berg-Peer

Seit 55 Jahren bin ich Angehörige: Meine Mutter litt an einer bipolaren Erkrankung und meine Tochter erkrankte vor 18 Jahren an Schizophrenie, heute sprechen die Ärzte von einer schizo-affektiven Erkrankung. Beide hatten und haben mehr gute Zeiten als schlechte, selten sind Menschen mit Krisengefährdung immer krank. Ich möchte Angehörige unterstützen, ihnen aus meinen Erfahrungen berichten und sie beraten. Ich freue mich trotz allem immer noch am Leben, lese viel und schreibe an meinem nächsten Buch, zusammen mit meiner Tochter! Ich liebe Bücher, Kartäuserkater, Rosen, Opern und Countertenöre, Filme, vor allem koreanische, japanische und chinesische, kann nicht Fahrradfahren. Ich wäre gern Léa Linster.

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