Janine Berg-Peer/ September 27, 2020/ Alle Artikel, Angehörige, Empfehlungen, Kritisches/ 0Kommentare

10 Dinge, die Sie nie zu Angehörigen psychisch Erkrankter sagen sollten

Oft ist auf Facebook oder Twitter zu lesen “10 Dinge, die man nie zu einen Menschen
mit Depressionen sagen sollte“
oder “5 Dinge, die man nie zu einem ein Menschen mit einer bipolaren Erkrankung sagen sollte“. So soll man beispielsweise ein Mensch mit einer Depression nie sagen “Jetzt reiß dich doch mal zusammen“ oder“ „Komm, wir machen mal was Schönes, dann geht es dir gleich besser!“.

Warum soll man eigentlich einem Menschen mit Depressionen, der den ganzen Tag schläft oder müde auf dem Sofa herumliegt eigentlich nicht sagen:  „Jetzt reiß dich doch mal zusammen!“? Weil es fast bösartig ist, so etwas zu sagen, weil man damit unterstellt, es sei die Entscheidung des Menschen mit Depressionen, jetzt doch mal schnell etwas aktiver zu werden. Dabei ist die Antriebslosigkeit eines Menschen mit
Depressionen ein Symptom seiner Krankheit. Symptome gehen nicht einfach weg, weil man das möchte. Leider. Er kann nicht plötzlich aktiv werden, nur weil ihm jemand dazu rät. Daher ist ein solcher Satz äußerst kränkend und zeigt, dass man nicht daran glaubt, dass es sich um eine Krankheit handelt.

10 Dinge, die Sie nie zu Angehörigen psychisch Erkrankter sagen sollten

Heute möchte ich einmal Dinge ansprechen, die man nie zu Angehörigen psychisch Erkrankter sagen sollte.

1. „Sie müssen jetzt aber endlich mal loslassen“. Loslassen ist ein gefürchteter Begriff für Angehörige. Vor allen Dingen wenn, wie es mir passiert ist, das mit einem aggressiven Unterton gesagt wird. Wir Angehörigen haben immerzu Sorge
um unsere Betroffenen. Wir wissen oft nicht, wie es Ihnen geht, Sie entscheiden sich vielleicht für einen Weg, der aus unserer Sicht nicht gut ist, so dass wir Angst haben, dass ihnen etwas passiert. Oft wissen wir gar nicht, was passiert, und vielleicht ist das genau auch der Auslöser für die große Angst. Diese führt dazu, dass wir unentwegt an unser erkranktes Kind denken und uns Sorgen machen. In dieser Situation ist so ein Satz nicht nur nicht hilfreich, sondern extrem kränkend. Sicher ist das Loslassen sinnvoll. Aber wenn man einem besorgten, verängstigten oder auch traurigen Elternteil das sagen möchte, dann sollte man ihm das nicht so hinwerfen, sondern sich die Muße für eine längere Unterhaltung nehmen, in der der Fachmensch oder auch der Laie erklärt, was mit diesem Satz gemeint ist. Gemeint ist damit nicht, dass man sich nicht mehr um sein Kind kümmern sollte, sondern gemeint ist damit, dass man sich von seinen oft übertriebenen Ängste lösen sollte. Oder besser lösen darf. Aber ich glaube, wir sind uns alle einig, dass es nicht einfach ist, sich von Ängsten zu lösen.

2. „Sie sind aber auch wirklich eine sehr dominante Frau, das muss für ihr Kind
nicht immer leicht gewesen sein
.“ Das wurde mir zum Beispiel gesagt von einem Kollegen, als ich ihm erzählte, dass ich gerade die Diagnose Schizophrenie für meine Tochter bekommen hatte. Das hat mich natürlich noch mehr erschüttert: erstens weil ich mir wirklich die Frage stellte, ob meine Dominanz zu der Erkrankung meiner Tochter beigetragen hätte. Und zweitens hat es mich erschüttert, warum ein eigentlich netter Kollege in einer Situation, in der eine Mutter erschüttert von der psychischen Erkrankung ihrer Tochter berichtet, nun auch noch so eine aggressive Bemerkung mir gegenüber macht.

10 Dinge, die Sie nie zu Angehörigen psychisch Erkrankter sagen sollten

3. „Wie alt war ihr Kind als sie sich von seinem Vater haben scheiden lassen?“ „Neun Jahre.“ Dann kommt der bekannte „AHA-Blick„! Der Fragende spricht es nicht aus, aber ihm ist sofort klar, dass die psychische Erkrankung meiner Tochter an der Scheidung liegt. Das kann gar nicht anders sein. Es nützt kein Hinweis, dass es Tausende von Kindern gibt, die in Scheidungsfamilien aufwachsen und gesund und vergnügt sind. Es nützt überhaupt nichts, sich zu verteidigen, der Fragende weiss sofort, dass das nur durchsichtige Manöver von uns Angehörigen sind, um die Verantwortung für die Krankheit unserer Kinder nicht übernehmen zu müssen.

4. „Waren sie immer berufstätig während der Kindheit Ihres Sohnes?“ Wenn wir das bejahen, kommt wieder dieser „AHA-Blick“. Auch hier weiß der Fragende jetzt sofort, dass die Krankheit des Kindes unmittelbar auf die Berufstätigkeit der Mutter zurückzuführen ist. Merkwürdigerweise aber nie auf die Berufstätigkeit des Vaters. Jede Leugnung hilft nichts, jeder Hinweis darauf. dass es auch viele Kinder von berufstätigen Müttern gibt, die niemals psychisch krank geworden sind, hilft. Es hilft nichts, zu erklären, dass wir arbeiten mussten, weil irgendjemand das Geld verdienen musste. Es hilft nichts, wenn wir Studien zitieren, die nachweisen, dass die Berufstätigkeit der Mutter nicht ursächlich für die Krankheit des Kindes ist. Noch schlimmer und geradezu eine Bestätigung für die Vorurteile des Fragenden ist es, wenn wir sagen, dass wir gern berufstätig sind und waren. Dann ist ohnehin alles klar. Wenn Mütter arbeiten und ihre Kinder in Fremdbetreuung (Kindergarten!) geben, dann muss das ja zu einer Schizophrenie führen. Wir bleiben im für den Fragenden durchsichtigen Verteidigungsmodus und der wissenden Blick des Gegenübers bleibt.

10 Dinge, die Sie nie zu Angehörigen psychisch Erkrankter sagen sollten

5. „Sie sind ja emotional vollkommen überfordert!“ ist auch ein Satz, der uns Angehörigen wehtut. Solche Sätze kommen, wenn man als Mutter in Tränen ausbricht, weil man sich so immense Sorgen um sein Kind macht. In so einem Moment ist auch dieser Satz wieder eine vollkommen unnötige Aggression. Nun behaupten Menschen gern, das sei ja nett gemeint gewesen. Aber nett gemeint ist nicht immer nett! Stattdessen könnte sich der Mensch, der diese Aussage trifft,  etwas Ruhe und Zeit nehmen und der Mutter vermitteln, dass er den Eindruck habe, dass sie unter großem Druck steht und es ihr nicht gut geht. Das könnte dann gepaart sein mit einer Empfehlung, sich doch auch ein wenig um sich selbst zu kümmern und sich Ruhepause zu können. Noch viel schöner wäre es natürlich, wenn der oder die Fragende sogar Hilfe anbieten würde! Zu einem Teller Spaghetti einladen oder mal mit dem Kind einen Cappuccino trinken gehen. Aber soviel wagen wir Angehörige ja gar nicht zu fordern. Auch nicht gern hören wir die Aussage, wir labile Mütter, weil wir nach der Diagnose “Schizophrenie“ in Tränen ausgebrochen sind. Es versteht sich von selbst, dass eine labile Mutter keine gute Mutter ist.

10 Dinge, die Sie nie zu Angehörigen psychisch Erkrankter sagen sollten

6. „Mit Ihnen spreche ich nicht, das verbietet die ärztliche Schweigepflicht!“ Dieser bei Ärzten sehr beliebte Spruch wird on uns Angehörigen genau als das empfunden, was es auch ist: Eine Zurückweisung und die Warnung, den Psychiater bloß nicht mit Fragen oder Informationen zu behelligen. Was können die Eltern denn beitragen? Die sind doch keine Psychiater! Aber nicht nur, dass es wenig mitfühlend ist, diese Aussage ist auch falsch. Die ärztliche Schweigepflicht verbietet es, Angehörigen und gar Fremden etwas über die Diagnose, die weitere therapeutische Vorgehensweise oder etwas über die Gespräche mit dem Patienten zu sagen. Die ärztliche Schweigepflicht verbietet es keinesfalls, dass ein Psychiater sich anhört, was die Mutter oder der Vater sagen wollen oder was ich für noch wichtiger finde, sie verbietet es nicht, Eltern, die gerade gehört haben, dass ihr Kind schwer psychisch erkrankt ist folgendes zu sagen: Liebe Frau X lieber Herr X, das kann jetzt eine sehr schwere Zeit für sie werden, diese Krankheiten brauchen einfach Zeit. Aber Sie können mir vertrauen, dass wir alles tun werden um ihrem Sohn zu helfen, damit es ihm wieder gut geht. Bitte haben Sie aber Verständnis dafür, dass wir für Ihren Sohn da sind und nicht für Sie. Wir können uns vorstellen, welche Sorgend Ängste Sie jetzt haben, aber leider können wir nicht mit Ihnen darüber reden. Daher empfehlen wir Ihnen, sich frühzeitig selbst einen Psychotherapeuten zu suchen, der Sie unterstützt.  Oder Sie besuchen eine Angehörigengruppe, in der sie mit anderen Angehörigen ihre Sorgen und Ängste austauschen können. Und wenn dann der Arzt sogar noch einen Flyer hervorzieht mit nützlichen Adressen, dann wäre uns Eltern sicher sehr geholfen.

10 Dinge, die Sie nie zu Angehörigen psychisch Erkrankter sagen sollten

7. „Sie haben ja eine sehr symbiotische Beziehung zu Ihrer Tochter, das ist für psychotische Menschen gar nicht gut!“ Das ist ein Vorwurf, und es soll auch ein Vorwurf sein. Damit wird den Eltern auch mitgeteilt, dass ihre falsche, zu enge Beziehung, Ursache für die psychische Erkrankung ist. Was genau, frage ich mich, soll die Mutter oder der Vater jetzt mit dieser außer Aussage machen? Selbst wenn es stimmen sollte, dass eine symbiotische Beziehung vorliegt, dann ist nicht davon auszugehen, dass diese sofort abgeschaltet wird, wenn der hochkompetente Psychiater diese festgestellt hat. Darüber hinaus ist die Frage, ob eine symbiotische Beziehung zum Kind nun geradewegs in eine Schizophrenie führt, in der Wissenschaft sicherlich auch nicht eindeutig belegt. Was aber wieder erreicht wurde, ist, dass die Mutter gekränkt, verletzt oder auch wütend aus diesem Gespräch hervorgeht.

8. „Ich habe ja immer schon gesagt, dass Du damals viel zu streng, alternativ zu permissiv zu Lena oder Thomas warst!“ Von Familie und Bekannten kommen gern derartige Bemerkungen, die vehement und von keiner Kenntnis über psychische Erkrankungen getrübt den verzweifelten Eltern an den Kopf geworfen werden. Immer natürlich nur, weil diese Menschen wirklich der verzweifelten Mutter helfen wollen. Auch hier ist es wieder erstaunlich, wie genau Laien wissen, wie eine bipolare, Borderline-Erkrankung oder eine Psychose entstanden ist. Selbst wenn die Wissenschaft nicht immer so 100-prozentig genau weiß, wie diese Krankheiten entstehen, viele Laien wissen es ganz genau. Auf jeden Fall ist auch hier erreicht, dass Mutter oder Vater mit schlechtem Gewissen oder großer Frustration und Kummer aus diesem Gespräch hervorgehen.

9. „Haben Sie doch mal ein bisschen Vertrauen zu Ihrer Tochter, Sie müssen doch nicht immer alles kontrollieren wollen!“ Das sind nicht mal  gut gemeinte Ratschläge von Profis, die uns deutlich machen, dass sie keinerlei Interesse für unsere Situation haben. Die uns selbstverständlich deutlich machen sollen, dass wir alles falsch machen. Dieser Ratschlag wurde mir von einer  wurde mir von einer Mitarbeiterin des Sozialpsychiatrischer Dienstes (Diplom-Psychologin) gesagt, als ich vollkommen verzweifelt und möglicherweise – leider – auch unter Tränen diese Mitarbeiterin bat, doch vielleicht einmal zur Wohnung meiner Tochter zu kommen, weil diese schon deutlich in eine schwere Manie abgedriftet war. „Nur weil Mutti die Wohnung der Tochter nicht ordentlich findet, muss doch nicht gleich der SPD angerast kommen.“ Da die Dame mich gar nicht kannte, konnte sie auch nicht wissen, ob ich Vertrauen in meine Tochter habe oder nicht und auch nicht, ob ich sie ständig kontrollieren wollte. Ich verstand aber eines, nämlich, dass ich dort keine Hilfe bekommen würde. Für den SPD hatte sich das Ganze dann auch erledigt, denn am nächsten Tag kam die Polizei und holte meine Tochter ab – sie waren von den Nachbarn alarmiert worden. Das hätte ich meiner Tochter gern erspart.

10 Dinge, die Sie nie zu Angehörigen psychisch Erkrankter sagen sollten

10. „Entspannen Sie doch mal ein bisschen, machen Sie einfach mal etwas Schönes für sich! Gehen Sie mit einer Freundin ins Café und
trinken einen schönen Cappuccino.“ Das sind die Momente, in denen ich, und möglicherweise auch andere Angehörige, gerne zur Mörderin würde. Wochen oder Monate oder Jahre lang Angst um das Kind. Krise über Krise, Krankenhausaufenthalt nach Krankenhausaufenthalt, nach vielen Auseinandersetzungen mit dem Kind und dem versuch, immer wieder alles zu regeln, was in der Manie oder der Psychose in die Brüche ging, sind wir so erschöpft, dass ein kleiner netter Besuch eines Cafés mit einer schönen Tasse Kaffee und einer Freundin wirklich nur als zynisch empfunden wird. Wer den permanenten Alarmzustand kennt, in dem sich viel Angehörige befinden, der weiß, dass uns diese Tasse Cappuccino gar nicht möglich ist, weil wir schon zu aufgeregt oder erschöpft sind, um aus dem Haus und in ein Café zu gehen. Wenn Sie uns etwas Gutes antun wollen, dann kommen Sie vorbei und bringen Kuchen oder einen Döner mit, setzen sich zu uns aufs Sofa und lassen uns ein bisschen klagen. Oder laden uns zu einem netten Abendessen ein, zu dem wir uns nur setzen können und entspannen. Hauptsache wir müssen nichts tun und jemand macht mal etwas für uns. Aber, wie gesagt, nur, wenn Sie uns auch wirklich ein kleines bisschen helfen wollen.

10 Dinge, die Sie nie zu Angehörigen psychisch Erkrankter sagen sollten

Ebenso wie Sie Menschen mit einer Depression, einer bipolaren Erkrankung oder einer Psychose vor dümmlichen, unsensiblen und rücksichtslosen  Bemerkungen verschonen sollten, wäre es schön, wenn auch uns Angehörigen gegenüber mehr Sensibilität gezeigt würde. Denn selbst wenn diejenigen, die das zu uns sagen, behaupten sie würden das ja nur sagen, damit wir das Richtige täten, genau das erreichen Sie nicht. Was sie erreichen, ist, dass wir uns missachtet, angegriffen und verurteilt fühlen. Jeder dieser Sätze ist wie ein kleiner Stachel mitten in unser Herz, und glauben Sie mir, nach vielen Jahren stecken dort richtig viele Stacheln. Glaubt wirklich jemand, dass ein Mensch, der sich missachtet, angegriffen und verurteilt fühlt, in der Lage ist, seinem psychisch erkrankten Kind die ruhige, gelassene und verständnisvolle Umgebung zu bieten, die ein psychisch erkrankter Mensch braucht?

Ein bisschen Rücksichtnahme hilft uns. Wir fühlen uns dann besser, aber vor allem können wir dann unsere erkrankten Kinder besser unterstützen!

 

Über Janine Berg-Peer

Seit 55 Jahren bin ich Angehörige: Meine Mutter litt an einer bipolaren Erkrankung und meine Tochter erkrankte vor 18 Jahren an Schizophrenie, heute sprechen die Ärzte von einer schizo-affektiven Erkrankung. Beide hatten und haben mehr gute Zeiten als schlechte, selten sind Menschen mit Krisengefährdung immer krank. Ich möchte Angehörige unterstützen, ihnen aus meinen Erfahrungen berichten und sie beraten. Ich freue mich trotz allem immer noch am Leben, lese viel und schreibe an meinem nächsten Buch, zusammen mit meiner Tochter! Ich liebe Bücher, Kartäuserkater, Rosen, Opern und Countertenöre, Filme, vor allem koreanische, japanische und chinesische, kann nicht Fahrradfahren. Ich wäre gern Léa Linster.

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