Janine Berg-Peer/ März 4, 2018/ Alle Artikel, Angehörige/ 0Kommentare

Morning Glory

Wie geht es Eltern mit psychisch erkrankten Kindern?

Vor einiger Zeit fand ich diesen Artikel einer Angehörigen aus Israel, den ich so schön und nachvollziehbar geschrieben fand, dass ich ihn übersetzt habe. Was schwierig zu verstehen ist, liegt sicher an meiner nicht so guten Übersetzung. Aber ich konnte jedes Wort und jedes Gefühl nachvollziehen. Fast. Nicht nachvollziehen konnte ich, dass die Mutter sich dafür entschieden hat, anonym zu schreiben und dass sie offensichtlich auch der Meinung war, dass sie niemandem in ihre Umfeld von er Krankheit des Kindes etwas sagen durfte. Ich kenne die Argumente, warm Angehörige das nicht tu. Aber es wäre ihr und ihrem Kind sicher mancher Kummer erspart geblieben, wenn sie offenen damit umgegangen wäre. Aber ich will die Mutter nicht kritisieren, denn sie schreibt so wunderbar rund mir aus dem Herzen. Ich hoffe, ich habe ihre Erlaubnis, diesen Artikel aus der israelischen Zeitung zu übersetzen.

Times of Israel 26.11.2017

Wenn niemand deine Sorgen versteht: Wie es uns Eltern von Kindern mit einer psychischen Erkrankung geht

Es ist die Untertreibung des Jahres zu sagen, dass es ist hart ist, Eltern zu sein. Von dem Moment an, in dem Du Dein gerade eine Minute altes Baby in deinen Armen hältst, bist du ein veränderter Mensch. Ein Muskel, von dem gar nicht wusstest, dass es ihn gibt, fing plötzlich an in Dir zu leben. Es ist der Muskel, der sich Sorgen machen kann, der entsetzlichen Angst entwickeln kann, ein Muskel von Hoffnungen und Träumen, es ist ein Muskel von Gebeten und von Dankbarkeit, der Deine Tränen fließen lassen kann.

Trotz aller Kratzer, gebrochenen Knochen und mitternächtlichen Krankenhausbesuche wissen wir, dass es viel schlimmer hätte kommen können. Es könnte immer schlimmer sein. Und wir kümmern uns liebevoll um die Kinder mit feuchten Tüchern auf ihrer Stirn, heißem Tee und einer Wärmflasche, Antibiotika und Salben; wir tun alles, um ihre Schmerzen zu verringern. Wir machen Besuche bei Physiotherapeuten mit etwas Hoffnung, dass es besser wird. Wir sind dankbar, dass Ihre Kopfschmerzen kein Hinweis auf ein Aneurysma waren, dass ihre Beulen kein Zeichen von Krebs waren, und dass ein paar Übungen die Zerrung wieder in Ordnung bringen werden. Obwohl diese Verletzungen und Schmerzen unserer unserer Kinder real und schwierig sind, werden sie vorbeigehen. Und den Kindern wird es besser gehen und sie werden dadurch stärker als zuvor sein.

Wie geht es Eltern mit psychisch erkrankten Kindern?

Aber wenn Dein Kind eine Krankheit hat, die nicht sichtbar ist, dann beginnt ein völlig anderer Muskel zu wachsen. Es ist ein Muskel der Verzweiflung, ein Muskel, der so unglaubliche Angst hervorruft, dass er dazu führen kann, dass Dein Atem stockt, und Du Kummer und Schmerzen vorkommen überwältigt bist. Ein Muskel der Einsamkeit und des ängstlichen Gefühls, dass Du verloren bist und Dich nie wieder finden wirst. Und obwohl Du nicht so ein Mensch sein möchtest sein möchtest, spürst Du, dass du dich selbst fragst: „Warum wir? Warum nicht jemand anders?“

Und Du fragst dich immer und immer wieder, ob es etwas war, was Du oder dein Mann getan hat – unbeabsichtigt -, dass diese Krankheit hervorgerufen hat. Und Du bist einfach nicht darauf vorbereitet, mit diesem fragilen und zarten Kind richtig umzugehen. Du stolperst und machst so viele Fehler, die Deine extreme Angst und deine Sorgen nur vergrößern. Diese Krankheit hat nicht nur dein Kind getroffen. Sie hat Deine ganze Familie, Deine ganze Welt verwüstet.

Da Du das Privatleben deines Kindes schützen möchtest, wenn er oder sie mit der psychischen Erkrankung kämpft, dann gehst du einen sehr einsamen Weg. Deine Freunde beginnen sich zu fragen, warum Du aus Deinem Leben plötzlich in den Winterschlaf gegangen bist, warum du dich so zurückziehst, warum Du Situationen vermeidest, in denen Du Dein ein Kind alleine zurücklassen würdest mit angsterfüllten Gedanken und stattdessen bei ihm bleibst. Du weist gesellschaftliche Einladungen zurück und verschließt Dich vollständig, wenn deine Freunde fragen, warum Du sie wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen hast.

Chinesisches Fest in Chiangmai

Wie geht es Eltern mit psychisch erkrankten Kindern?

Es ist eine Ironie, aber Du lernst sehr schnell, wer seine wirklichen Freunde sind. Diejenigen, die Dich einfach abschreiben, weil sie es müde sind, hinter Dir her zu hetzen, und weil sie verärgert sind, dass du nicht auf ihre Party gekommen bist. Aber das sind Freunde, die Du wirklich nicht brauchst. Aber diejenigen, die spüren, dass da etwas nicht in Ordnung ist, die Dich aber nicht mit Fragen bedrängen, und die sich trotzdem immer wieder bei Dir melden, einfach um zu wissen, ob auch alles in Ordnung ist, das sind Freunde, von denen du weißt, dass Du sie für den Rest Deines Lebens um Dich haben möchtest.

Wenn Du das Glück hast, einen Partner zu haben, der sich Dir zuwendet, anstatt sich in seine eigene Schmerzinsel zurückzuziehen, und Du es schaffst, dass ihr beide aneinander festhaltet, während Du durch eine völlig neue, angstbesetzte Welt navigierst, in der eine psychische Krankheit ab jetzt das Normale für dich ist, dann kannst Du mit dieser Einsamkeit umgehen. Aber auch nur gerade so eben.

Es ist das was, Du nicht weißt und kennst, das alles so schwer macht. Du weißt nicht, ob das neue Medikament ein Wunder für deine Familie bringen wird, oder ob es im Gegenteil negative Nebeneffekte haben wird und alles tausendmal schlimmer machen wird. Das auszuprobieren und die richtige Dosis zu finden, ist wie russisches Roulette zu spielen. Du weißt nicht, ob dieser so sehr empfohlene Psychiater der richtige für dein Kind sein wird oder ob genau er dafür sorgen wird, das alles noch mehr außer Kontrolle gerät. Du weißt nicht, wie lange dieser Albtraum andauern wird. Du hast das Gefühl, dass alles für Dich vollkommen außer Kontrolle geraten ist in einer Augenblick, in dem Du dachtest, dass in Deinem Leben alles relativ gut lief. Und während du beobachtest, wie die Freunde Deiner Kinder mühelos und mit einem fröhlichen Gesicht durch das Leben rollen, Du siehst, dass sie von wundervollen Freunden umgeben sind, ihre Schulabschlüsse gut sind und sie nun den Traum und die Hoffnung haben, Anwalt zu werden, oder Grafikdesigner, Tierarzt, Ehemann, oder Eltern, wird ein Teil von dir ständig darüber nachdenken, ob Dein Kind auch jemals so ein Junge oder so ein Mädchen sein wird.

Chinesisches Fest Chiangmai

Wie geht es Eltern mit psychisch erkrankten Kindern?

Und dann eines Tages – eines verzauberten Tages – beginnt diese mit Regen gefüllte Sturmwolke sich plötzlich zu lichten. Langsam. Anstelle der Tränen, die Dein Kind ertrinken lassen, siehst Du plötzlich dieses merkwürdige Lächeln in seinem Gesicht. Oder sogar zwei, oder drei. Und dann hast Du das Gefühl, dass Dein Herz vor Freude in Stücke springt, wenn du den Klang des Gelächters Deines Kindes hörst.

Dein Kind klettert plötzlich morgens aus seinem Bett, in dem es jahrelang festgehalten wurde, und beginnt sich wieder aus seinem dunklen Ort herauszuziehen, ein bisschen mehr jeden Tag. Eine Minute mehr, eine Stunde mehr. Und Du kannst Dich buchstäblich selbst hören, wie Du wieder ausatmen und neue frische Luft einatmen kannst.

Und dann … dann beginnen Dein Kind zu träumen. Es sind kleine Träume, Träume, über Andere lachen würden, aber für Dich bedeutet es ebenso viel, als ob sie nach den Sternen greifen würden; es ist der Moment, auf den Du immer gewartet hast. Aber dann gibt es auch immer wieder diese Tage, in denen ein Kind wieder zurückgleitet und dann steigt Deine Angst wieder Deine Kehle hinauf, weil du Angst davor hast, dass diese dunkle Wolke für immer wieder zurück ist. Ein Teil von dir fragt sich, ob der Heilungsprozess zu schön war, um wahr zu sein, ob alle diese positiven Schritte vorwärts eine Art Illusion war, eine grausame Schlittenfahrt, die Dich einlullen sollte in einen falsches Gefühl von Sicherheit. Aber dann geht die dunkle Wolke auch wieder etwas zurück, und Dein Kind macht wieder einen vorsichtigen Schritt nach vorne. Die dunkle Wolke entscheidet aber sich immer wieder, zu Besuch zu kommen. Nicht zu oft, aber zu häufig für Deinen Geschmack. Aber Du beginnst, fester zu stehen, mit mehr Zuversicht, Du weißt jetzt, dass die Stärke Deines Kindes gewinnen wird, und dass sie diese Wolke wieder zurückschlagen wird. Und das tun es auch.

Wie geht es Eltern mit psychisch erkrankten Kindern?

Und dann betrachtest Du eines Tages dieses Kind, das in einer Weise leiden musste, die Du Dir nicht einmal beginnen kannst, vorzustellen, und siehst dieses Kind mit so viel Ehrfurcht und Bewunderung an, und bist stolz darauf, wie stark es sein musste, um diese sie dunkle Wolke besiegt zu haben. Du beobachtest Dein Kind immer noch, Du bist vorsichtig geblieben und beobachtest es immer noch wie ein Adler und suchst nach Zeichen dieser dunklen Wolke. Du wirst dann vielleicht ein bisschen zu überfürsorglich, und das Kind wird Dich bitten, Dich doch etwas zurückzuhalten. Es wird Dir sagen, dass es sich vielleicht wirklich manchmal etwas unglücklich fühlt, oder einfach ein bisschen weniger glücklich, dass es aber auch nicht jede Minute super happy sein kann. Und Du nickst und hältst Dich ein bisschen zurück. und du legst und sie sich zurück, aber deine Augen werden Dein Kind immer wieder beobachten, einfach nur um sicher zu gehen.

Viele Menschen in deiner Umgebung, die nichts davon wissen, werden sich wundern, warum Du Dein Kind nicht antreibst, sein Abitur zu machen oder sich für die Universität zu bewerben. Warum es für Dich in Ordnung ist, wenn Dein Kind einen Job zum Mindestlohn macht, obwohl es doch einen Collegeabschluss machen könnte. Sie wundern sich, warum das Kind nie mitkommt zu Familienfeiern, und warum Du nicht darauf bestehst, dass sie es tun. Sie wundern sich, warum Du so eine Mutter bist, die das alles durchgehen lässt. Sie verstehen nicht, dass Dein Kind auf eine unendlich harte Weise lernen musste, welche Situationen wieder eine Krise auslösen könnten. Dass auf einer so blöden Sache wie einer Familienfeier zu bestehen nur ihre Angst intensivieren könnte, und damit die dunkle Wolke wieder einladen könnte. Sie verstehen einfach nicht, wie weit es Dein Kind schon geschafft hat und dass nachdem, was ihr zusammen erlebt habt, solche Sachen – Familienfeiern – überhaupt nicht wichtig sind.

Köstlichkeiten

Wie geht es Eltern mit psychisch erkrankten Kindern?

Ja, Du möchtest, dass Dein Kind wieder zurückkomm, dass es wieder vollkommen in das Leben eintaucht, aber Du weißt besser als irgendjemand sonst, dass, wenn es sagt, dass es etwas nicht kann, das bedeutet, dass es das wirklich nicht kann. Und Du bist inzwischen so weit, dass Du die Art, wie es gelernt hat, mit seiner Krankheit umzugehen, nur respektieren und bewundern kannst. Es hat einen Weg gefunden, aus dem Dunklen heraus und wieder ans Licht zukommen, und letztlich ist es das Schönste, dass Dein Kind manchmal durch eine Stunde, einen Tag, eine Woche, einen Monat ohne Tränen, ohne Schmerzen durch das Leben gehen kann, und stattdessen in der Lage ist, den neuen Tag zu begrüßen mit einem Lächeln und dem Wunsch, aus dem Bett aufzustehen und einen Fuß vor den anderen zu setzen und über die seine eigen Zukunft zu träumen Und das in einer Zeit – die nicht sehr lange zurückliegt –, in der Du Angst hattest , dass Dein Kind nicht einmal eine Zukunft sehen würde. Und das ist das schönste Gefühl auf der Welt.

Du bist jetzt eine Mutter, die sich vollkommen geändert hat. Dein Muskel hat sich gedreht und wurde zerrissen in einer Art und Weise, die Anderen nicht einmal beginnen können, zu verstehen. Ein Teil von Dir wünscht sich, dass das alles niemals hätte geschehen müssen, weder Deinem Kind und auch nicht Deiner ganzen Familie. Aber wenn alles zusammen durch diese großen Schwierigkeiten gegangen und auf der anderen Seite unversehrt wieder herausgekommen sind, dann gibt das dem Wort Dankbarkeit eine ganz neue Bedeutung.

Heute begrüße ich dieses neue Stadium in meinem Leben, im Leben meines Kindes und meiner Familie mit Hoffnung und Dankbarkeit und der Wertschätzung für die kleinen Wunder, die sich immer wieder innerhalb unserer vier Wände abspielen.

Basquiat und Giacometti

Über Janine Berg-Peer

Seit 55 Jahren bin ich Angehörige: Meine Mutter litt an einer bipolaren Erkrankung und meine Tochter erkrankte vor 18 Jahren an Schizophrenie, heute sprechen die Ärzte von einer schizo-affektiven Erkrankung. Beide hatten und haben mehr gute Zeiten als schlechte, selten sind Menschen mit Krisengefährdung immer krank. Ich möchte Angehörige unterstützen, ihnen aus meinen Erfahrungen berichten und sie beraten. Ich freue mich trotz allem immer noch am Leben, lese viel und schreibe an meinem nächsten Buch, zusammen mit meiner Tochter! Ich liebe Bücher, Kartäuserkater, Rosen, Opern und Countertenöre, Filme, vor allem koreanische, japanische und chinesische, kann nicht Fahrradfahren. Ich wäre gern Léa Linster.

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