Janine Berg-Peer/ November 26, 2014/ Alle Artikel, Angehörige/ 2Kommentare

Mozartente

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Es gibt nichts zu schämen!

Wir müssen uns nicht schämen, weil unsere Kinder sich in einer Krise merkwürdig verhalten. Vor allem aber müssen sich unsere Kinder nicht schämen. Es ist die Krankheit und nicht ihr Charakter! Vor allem aber geht es auch wieder vorbei und sie sind wieder genau die Menschen, die wir kennen und lieben. Vor allem brauchen sie gerade unsere Liebe und Unterstützung, wenn sie in einer Krise sind.

Vor ein paar Tagen erhielt ich eine Mail von einem Betroffenen, der es schwierig fand, dass ich in meinem Buch so offen über meine Tochter geschrieben habe. Ich finde es gut, dass er mir seine Meinung geschrieben hat, auch wenn ich anderer Meinung bin. Ich möchte hier alle an meinem Austausch mit ihm teilnehmen lassen.

„… ich (habe) mit Interesse und Spannung Ihr Buch – fast – zu Ende lesen können. Was Sie da offenbaren, mag in meinen Augen einigen Angehörigen und Ihnen zur Aufarbeitung dienen, aber zu dem Preis, dass Sie viel Intimes aus den Krankheitsphasen Ihrer Tochter offen legen. Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn meine Mutter so etwas über mich erzählt hätte. Ich glaube, nicht einmal ihren engsten Freunden haben meine Eltern so viele Details über meine Ausnahmezustände anvertraut – und Sie machen Sie öffentlich!

… ich will Sie mit diesem Brief nicht an den Pranger stellen, Ihnen nur eine Leserreaktion eines Betroffenen mitteilen. Außerdem sagten Sie mir ja schon, dass Ihre Tochter ganz souverän mit der Veröffentlichung umgegangen ist.“

Es gibt nichts zu schämen!

Und hier meine Antwort:

„… danke für Ihre ehrliche Rückmeldung. Ich bedaure dennoch, dass Sie es so sehen, denn es kommt mir so vor, als ob Sie der Meinung seien, dass ein Verhalten in einer Krankheitsphase etwas sei, für das man sich schämen müsse. Dieser Meinung bin ich nicht. Im Gegenteil, ich bin der Meinung, dass wir offen zeigen müssen, was eine psychische Krankheit bei einem Menschen auslösen kann, vor allem aber, das das auch wieder vorbei geht. Und dass ein bestimmtes Verhalten nichts mit einem „schlechten Charakter“ o.ä zu tun hat, sondern eben der psychischen Krankheit geschuldet ist. Und, vor allem, dass das Verhalten, das psychisch Kranke in Krisenphasen zeigen, in den meisten Fällen nichts mit den überkommenen Vorurteilen von wahnsinnigen, gefährlichen und aggressiven „Irren“ zu tun hat, die ja immer noch durch die Medien und durch unsere Köpfe geistern. Sondern dass kranke Menschen in ihrer Verzweiflung manchmal unkontrolliert oder rücksichtslos werden. …
Ich glaube, dass ich mit meiner Offenheit meiner Tochter und vielen anderen Betroffenen und Angehörigen genützt habe. Vor allem aber habe ich selbst viel gelernt: In manchen Situationen habe ich nämlich mit meiner Angst oder gar Panik (oder meinen vielen Tränen) die Situation für meine Tochter erschwert, das ist mir beim Vorlesen inzwischen bewusst geworden. Daher schreibe ich auch jetzt am nächsten Buch, das ein Ratgeber für Eltern sein wird. Ich bin heute überzeugt davon, dass wir Eltern auch anders mit der Krankheit und unseren Kindern umgehen müssen: Gelassener. Vor allem müssen wir unseren Kindern viel zutrauen, trotz Krankheit und sie bei ihrer Selbständigkeit unterstützen. Immer auf unsere Angst und Sorge zu schauen ist sicher ganz schwierig für unsere Kinder. Das habe ich inzwischen gelernt. Was ich sagen will: Manche Situation hätte ich durch ein vernünftigeres Verhalten entschärfen können. Sie sehen, so ein Buch kann auch Selbstkritik aus lösen. … ich bitte Sie um eines: Es gibt nichts, aber auch gar nichts am Verhalten in einer Krankheitsphase, für das Sie oder ein anderer Betroffener sich schämen müssten.
Meine Tochter las Ihre Mail, weil wir gerade zusammen in Oslo waren, wo wir beide einen Vortrag gehalten haben. Sie tröstete mich (!!) und meinte, dass sie froh sei, dass ich mich für ihr Verhalten nicht schämen würde. Ohne mein Buch und ihre Erfahrung, dass ihr niemals dadurch ein negatives Verhalten entgegengebracht wurde, hätte sie sich nie getraut, offen Vorträge zu halten und über ihre Krankheit zu sprechen. Ein Beispiel: Sie hatte in einer Krise Probleme in ihrem Haus (viele Mietparteien), weil sie wohl relativ laut war. Seitdem dort Viele von ihrer Krankheit wissen, sind alle viel freundlicher zu ihr. Ein älterer Herr kam auf sie zu und erzählte, er und seine Frau hätten das Buch gelesen. Und es täte ihnen beiden so leid, welche Schwierigkeiten sie hätte. Und sie beiden freuten sich sehr darüber, dass es ihr jetzt besser ginge. Sie sehen, solche Reaktionen kann es geben. Es kann auch andere geben, aber damit muss man sich abfinden. Es gibt dumme und rücksichtslose Menschen, die mögen auch Ausländer, Alte oder Junge nicht, damit müssen wir alle leben.
Es gibt nichts zu schämen!
Denken Sie daran, wie offen Schwule oder auch Aids-Kranke mit der Krankheit umgehen. Das ist wegen der vielen Vorurteile bestimmt nicht leicht. Ich finde diese Initiativen großartig. Ich halte es für falsch, nicht über die Krankheit offen zu reden. Das tun viele Angehörige nicht, aber ich bin überzeugt davon, dass sie sich schämen. Und das fände ich sehr, sehr traurig für meine Tochter, wenn ich mich ihretwegen schämen würde.
Ich bin sicher, dass wir beide weiter engagiert um die Verbesserung der Akzeptanz von Menschen mit psychisch Kranken kämpfen werden, vielleicht mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Aber das ist völlig in Ordnung.
Was meinen Sie?
Ich würde mich über Rückmeldungen, andere Vorstellungen, Vorbehalte oder auch Kritik freuen. Mir fällt noch eine Begebenheit ein: Bei einer Lesung kam eine Betroffene von etwa 35 Jahren auf mich zu und meinte, sie müsse jetzt ganz schnell ihren Mann anrufen und ihm danken. Ihr sei erst jetzt durch mein Buch klar geworden, wie schwer es manchmal für ihn gewesen sei. Jetzt würde sie ihn noch mehr lieben. So etwas ist doch auch schön, oder? Diese junge Frau hat verstanden, dass ich meine Tochter nicht bloßstellen will, sondern darüber reden, wie schwierig es für beide Seiten ist.
Ich verstehe auch die Reaktion des Betroffenen, hoffe aber wirklich, dass er sich nicht schämt.
Bis bald und eine schöne Vorweihnachtszeit (möglichst ohne Krisen!)
Janine Berg-Peer

 

Über Janine Berg-Peer

Seit 55 Jahren bin ich Angehörige: Meine Mutter litt an einer bipolaren Erkrankung und meine Tochter erkrankte vor 18 Jahren an Schizophrenie, heute sprechen die Ärzte von einer schizo-affektiven Erkrankung. Beide hatten und haben mehr gute Zeiten als schlechte, selten sind Menschen mit Krisengefährdung immer krank. Ich möchte Angehörige unterstützen, ihnen aus meinen Erfahrungen berichten und sie beraten. Ich freue mich trotz allem immer noch am Leben, lese viel und schreibe an meinem nächsten Buch, zusammen mit meiner Tochter! Ich liebe Bücher, Kartäuserkater, Rosen, Opern und Countertenöre, Filme, vor allem koreanische, japanische und chinesische, kann nicht Fahrradfahren. Ich wäre gern Léa Linster.

2 Kommentare

  1. hallo janine, guck mal, ob das heute ankommt, am 29.11.2014

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