Janine Berg-Peer/ Mai 28, 2015/ Alle Artikel, Angehörige/ 0Kommentare

Saure Äpfel

Saure Äpfel

Schuld oder nicht Schuld, das ist hier die nicht Frage.

Angehörige von psychisch Kranken  haben Schuldgefühle, das setzt man sozusagen als normal voraus. Haben Angehörige von Kindern mit Masern, Diabetes oder gar Krebs ebenfalls Schuldgefühle? Ist es natürlich, dass ich Schuldgefühle habe, wenn mein Kind psychisch krank wird? Zusammen mit der Diagnose wurde mir gesagt „Sie müssen aber keine Schuldgefühle haben!“ Damals wusste ich nicht, wovon die Ärztin redete, ich hatte doch auch gar keine. Heute weiß ich, dass die Ärztin es gut gemeint hat und vor allem, dass sie etwas dafür tun wollte, dass ich mich als Angehörige nicht zusätzlich zu dem Schock über die Diagnose auch noch schuldig fühlte.

Ob wir Schuld sind oder nicht, hängt ganz stark davon ab, ob Menschen glauben (oder wissen?), dass psychische Krankheiten eine biologische Ursache haben oder ob sie eher durch soziale Faktoren ausgelöst wurde, wobei soziale Faktoren immer das ungünstige Familienklima – als uns – meint. Es ist verständlich und wichtig, dass bei so komplexen Krankheiten oder Störungen die Wissenschaft darüber diskutiert, wie sie entstanden sind und wie sie zu behandeln sind. So weit, so gut. Aber diese Diskussion wirkt in unseren Angehörigenalltag hinein. Heute wird überall vor den schädlichen Wirkungen der Medikamente gewarnt, Ärzte kritisiert, die zu viele in zu hoher Dosis verschreiben und Angehörige, die darauf beharren, dass ihre Kinder die Tabletten nehmen sollen, weil – so wird unterstellt – wir ja nur unsere Ruhe haben wollen. Außerdem hängen wir – angeblich – den biologischen Thesen an, weil wir uns nicht der Tatsache stellen wollen, dass wir durch unser Verhalten unserem Kind ein Trauma zugefügt haben. Auf einer Tagung wusste eine junge (!) Sozialarbeiterin, warum Angehörige immer (!) der biologischen These anhängen: „Das ist ja dann auch einfacher für sie, dann stopfen sie die Medikamente in ihre Kinder und dann haben sie ihre Ruhe!“ Aha. „Die ist aber nicht auf dem aktuellen Stand, die Dame“, sagte mir vor ein paar Tagen ein engagierter Psychiater. Das mag so sein, aber es gibt viele Sozialarbeiter und Krankenpfleger und Psychiater mit denen unsere Kinder und wir im Alltag zu tun haben, die genau diese Thesen vertreten.  Nein, so sind keinesfalls alle Fachleute, aber es gibt sie. Wie Asmus Finzen so richtig schrieb: „Die Lehrmeinungen von gestern sind die Vorurteile von heute.“

Schuld oder nicht Schuld, das ist hier nicht die Frage.

Mein Appell an alle Angehörige: Denken Sie nicht darüber nach, ob Sie Schuld sind oder nicht. Was sollte das auch bringen? Wie meine Tochter so richtig sagte: „Wenn die Eltern schuld sind, wie soll ich das denn heute wieder hinkriegen? Nützt es mir etwas, wenn Du Schuldgefühle hast? Nützt es mir etwas, wenn Du einsiehst, dass Du mich falsch behandelt hast?“ Hast Du nicht, sagte sie sofort tröstend, weil sie von mir zum Essen eingeladne werden wollte. -:)  Es ist durchaus sinnvoll, wenn wir uns überlegen, welche unsere Verhaltensweisen nicht gut für unsere Kinder waren der sind, wir können uns ebenso ändern, wie es unsere Kinder müssen. Wir können ruhiger, gelassener, konfliktfähiger werden und  uns unseren Kinder besser zuhören, statt ihn zu sagen, was das Beste für sie ist. Aber Schuld? Im British Psychological Service wurde gerade eine Studie zitiert, die – natürlich – bahnbrechende Ergebnisse erbracht hat, sie basiert auf 20 Jahren Forschung zu Psychosen (Quelle: British Psychological Service/EurekAlert). Man hat herausgefunden, dass Psychosen auch nichts anderes sind als andere psychologische Probleme wie etwa Angst oder Schüchternheit. Sie seien oft ein Resultat traumatischer Erfahrungen (diese These ist zwar nicht neu?), man sollte diese Personen nicht als „krank“ bezeichnen, sondern sich mit ihnen hinsetzen und zuhören. So weit, so sehr gut, vor allem der Aspekt des Zuhörens. Medikamente seien sicher auch erforderlich, aber man müsse herausfinden, wie diese Menschen mit ihren Erfahrungen umgehen und ihnen die Hilfe zukommen lassen, die sie brauchen. Sehr gut. Aber nun kommt´s: Man müsse künftig viel mehr investieren in die Prävention sozialer Ungleichheit (ja!) und Kindesmisshandlung. Kindesmisshandlung? Die gibt es und Prävention ist richtig. Verstehe ich das richtig, dass Psychosen häufig das Resultat von Kindesmisshandlung sind?

 

 

Schuld oder nicht Schuld ist hier nicht die Frage.

Wie sollen wir Angehörigen uns jetzt fühlen? Jetzt könnte man sagen, dass es nicht die Aufgabe der Forschung ist, sich um Angehörigengefühle zu kümmern. Aber gleichzeitig gibt es auch Forschung, die belegt, wie wichtig eine liebevolle, stabilisierende familiäre Umgebung für Betroffene ist. Wie können wir das sein, wenn wir immer diese Schuldgefühle im Hinterkopf oder auch im Herzen haben? Mein Rat ist es, sich nicht mehr damit zu beschäftigen, was gestern war: Sie wollen oder müssen heute Ihr Kind unterstützen. Wenn Sie sich mit Ihren Schuldgefühlen beschäftigen, haben Sie weder Kopf noch Herz frei für die Bedürfnisse Ihres Kindes. Vor allem auch nicht für Ihre eigenen Bedürfnisse. Glauben Sie, dass Sie Ihr Kind wirklich unterstützen können, wenn sie negative Gefühle haben? Nein, denn dann beschäftigen Sie sich mit sich selbst und mit der Vergangenheit, statt mit konkreten Hilfen für Ihr Kind. Nicht nur die Psychiatrie sieht in unserem ungünstigen Familienklima die Ursachen, auch Betroffene sehen ins uns oft die Ursache für ihre Krankheit. Ich habe mir überlegt, für wie mächtig sie uns halten müssen, dass sie uns das zutrauen. Oder wie meine Therapeutin immer sagt: „Wer glaubt, eine Krankheit wie Schizophrenie hervorrufen zu können, muss an Größenwahnsinn leiden!“

Schuld oder nicht Schuld ist hier nicht die Frage.

Und die Medikamente! Heute lesen und hören wir dringende Warnungen vor den Nebenwirkungen, der Wirkungslosigkeit oder der Verschlechterung der Krankheit durch Medikamente. Auch hier wieder: Ich halte es für richtig und wichtig, dass sich die Psychiatrie mit diesen Fragen beschäftigt. Ich denke auch, dass meine Tochter vor 19 Jahren zu schnell und zu viele Neuroleptika bekam, wenn diese Diskussionen dazu führen, dass in Kliniken deutlich vorsichtiger mit Medikament umgegangen wird, dann wäre das sehr zu begrüßen. Aber was machen wir Angehörigen heute, deren Kinder inzwischen 30, 40 oder 50 sind, die ihr Leben lang Tabletten bekamen? Erstens haben wir selten Einfluss darauf, welche Medikamente in welcher Dosis sie nehmen. Zweitens: Sollten wir uns überhaupt einmischen? Können wir Eltern verantworten, unseren Kindern von Medikamenten abzuraten, die ihnen verordnet wurden? Vor allem, wenn unsere Kinder nun seit Jahren kaum oder keine Krisen hatten und mithilfe der Medikamente sich ins Leben zurückgekämpft haben?

Wieder mein Rat: Hören Sie auf, sich ständig Sorgen zu machen. Wenn Ihr Kind mit den Medikamenten sein Leben gut managt, dann freuen Sie sich darüber. Es spricht nichts dagegen, dass sie Ihrem Kind Informationen über Medikamente auch von kritischen Ärzten geben. Ich persönlich will aber meine Tochter, der es gerade gut geht, stärken: Soll ich ihr jetzt ständig sagen, dass die Langzeitfolgen von Medikamenten ganz schlimm sind? Was soll sie denn dann tun? Sofort absetzen? Damit hat sie ihre negative Erfahrungen gemacht. Ich persönlich vertraue auf junge Ärzte, die Medikamente vor allem bei Patienten, die sie bereits lange Zeit nehmen, nicht ablehnen, sondern mit meiner Tochter zusammen das Medikament in möglichst niedriger Dosis aussuchen, mit dem sie ihre Leben nach ihren Wünschen gestalten kann.

Schuld oder nicht Schuld ist hier nicht die Frage.

Wenn über von Fachleuten psychische Krankheiten diskutiert wird, dann steht die Frage von Biologie versus Umwelt im Vordergrund, Medikament oder nicht etc. Ganz wichtig sind auch neue Therapiemethoden, die in einem bestimmten Gebiet von Nordfinnland erfolgreich angewendet werden. Aber für uns Angehörige sieht der Alltag doch ganz anders aus: Wir machen uns Sorgen, ob der Sohn oder die Tochter ihre Wohnung verlieren oder überhaupt eine Wohnung finden. Wir machen uns Sorgen, ob es eine gute betreute Wohnung findet. Wir wünschen uns, dass unser Kind eine gute ambulante Betreuung hat, dass es sich besser ernährt, dass es nicht völlig vereinsamt, dass es vielleicht einen Job im geschützten Bereich findet. Wir müssen damit umgehen, dass es uns anschreit oder gar nicht mit uns spricht, wir müssen ewige Geldforderungen ertragen oder täglich 20 Anrufe. Manche Eltern haben seit 5 Jahren nichts mehr von ihrem Kind gehört, andere erhalten Anrufe von wütenden Nachbarn, weil das erwachsen Kind nachts zu viel Krach macht. Und die innovativen Therapien aus Finnland finden wir auch nur selten im in Nordfriesland, Niederbayern oder Thüringen. Oft gibt es nur ein Krankenhaus in der Nähe oder man findet kaum niedergelassene Psychiater oder Sozialarbeiter, die sich mit diesen Themen auskennen. Noch einmal, es ist gut, dass es neue Therapien gibt. Aber mein praktischer Rat ist es, sich mit dem auseinanderzusetzen, was wir in unsere Umgebung vorfinden: Seien Sie nicht unglücklich, w il es diese großartigen Möglichkeiten in Ihre Region nicht gibt. Versuchen Sie, mit den Ärzten und ambulanten Einrichtungen zu kooperieren, die Sie in Ihrer Nähe finden und zu denen Ihr Kind Vertrauen hat. Und, ganz wichtig, hören Sie auf Ihr Kind. Wir sollten herausfinden, was es für sich wünscht – auch wenn das bedeutet, dass es keine Medikamente will oder eine Psychotherapie ablehnt. Ich muss nicht immer die Konsequenzen einer aus meiner Sicht falschen Entscheidung meiner Tochter tragen, aber ich kann überlegen, wie ich sie auf dem Weg, den sie für sich wählt, unterstützten kann.

Mit der Realität umzugehen, ist viel sinnvoller, als sich über die Schuldfrage Gedanken zu machen oder über darüber, dass es anderswo viel bessere Therapien und Ärzte geben soll. Auch unsere Kinder müssen die Realität akzeptieren und lernen, damit umzugehen. Wenn Sie Zeit und Kraft haben, sich für die Verbessrung der Psychiatrie zusätzlich einzusetzen, dann ist das gut und kann auch Ihnen gut tun.

Aber ich wünschte mir eine ebenso engagierte Diskussion darüber, wie wir unsere Beziehungen zu unserem Kind gestalten. Damit sollten wir Angehörigen uns beschäftigen.

 

 

 

 

Über Janine Berg-Peer

Seit 55 Jahren bin ich Angehörige: Meine Mutter litt an einer bipolaren Erkrankung und meine Tochter erkrankte vor 18 Jahren an Schizophrenie, heute sprechen die Ärzte von einer schizo-affektiven Erkrankung. Beide hatten und haben mehr gute Zeiten als schlechte, selten sind Menschen mit Krisengefährdung immer krank. Ich möchte Angehörige unterstützen, ihnen aus meinen Erfahrungen berichten und sie beraten. Ich freue mich trotz allem immer noch am Leben, lese viel und schreibe an meinem nächsten Buch, zusammen mit meiner Tochter! Ich liebe Bücher, Kartäuserkater, Rosen, Opern und Countertenöre, Filme, vor allem koreanische, japanische und chinesische, kann nicht Fahrradfahren. Ich wäre gern Léa Linster.

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