Janine Berg-Peer/ Dezember 22, 2022/ Alle Artikel, Angehörige/ 0Kommentare

Ein trauriges Weihnachten – ein lieber Mensch fehlt

Dieses Jahr werden wir sehr traurig sein zu Weihnachten. Am 24. November 2022 ist mein Sohn an Leukämie gestorben. An einer Art von Leukämie, die innerhalb von Monaten oder Wochen zum Tod führen kann. Er starb so, wie er es wollte: Er hat niemanden aus der Familie etwas von seiner Krankheit gesagt, wir wurden alle von dieser furchtbaren Nachricht überrascht. Er wollte es so, aber für uns, vor allem mich als Mutter hat die Nachricht von seinem Tod wie ein Schlag getroffen. Er war erst 55 Jahre alt, viel zu jung. Niemand sollte vor seinen Eltern sterben. Es ist eine so große Ungerechtigkeit, wenn es dann doch geschieht.

Ein trauriges Weihnachten – ein lieber Mensch fehlt

Er war ein so liebenswerter Mensch, klug, sehr ruhig, aber konnte uns alle mit seinem stillen Witz überraschen. Er war immer aufrichtig, manchmal auch so aufrichtig, dass man sich gewünscht hätte, er hätte diese Wahrheit ein bisschen verbrämt. Ich konnte mich auf ihn verlassen, wenn er etwas versprochen hat, dann konnte ihn nichts davon abbringen. Er hat gerne gemalt, ich freue mich immer noch über seine Bilder, die ich bei mir aufgehängt habe. Er konnte mich und seine Schwestern bei allem unterstützen, was mit EDV zu tun hat, wobei er oft verzweifelte an unserem, vor allem meinem, mangelnden Sachverstand. Aber er blieb geduldig.

Ein trauriges Weihnachten – ein lieber Mensch fehlt

Ich erinnere mich noch an ihn als kleinen Jungen. Riesige dunkelbraune  Augen, die oft traurig guckten und die er gezielt in der Nachbarschaft einsetzte, um Schokolade zu bekommen, die er dann aber großzügig mit seinen Schwestern teilte. Er war in der Waldorfschule und mit 12 kam er eines Tages nachhause und sagte mit sorgenvoller Mine: Mami, es ist schrecklich. Ich glaube, ich bin der einzige Kommunist an der Waldorfschule.

Bei der Hausgeburt seiner jüngsten Schwester lag er die ganze Zeit auf dem Bett nehmen mir und hat mir Mut zugesprochen – er war 13 Jahre alt. Seine kleine Schwester hat er dann überallhin in der Wohnung mitgeschleppt. Bei seinen Hausaufgaben saß sie oft unter seinem Schreibtisch in einem kleinen Pappkarton und sie hörten beide Rockmusik. Das mag sie, behauptete er. Ich muss ihr doch einen guten Musikgeschmack beibringen, damit sie nachher nicht Abba oder Rex Gildo mag! Das war erfolgreich, sie hatten dann den gleichen Musikgeschmack tauschten sich darüber aus. Wobei sie dann oft über ihre Mutter lachten, weil, wie er behauptete, ich bei Conny Froboess stehen geblieben sei.

Ein trauriges Weihnachten – ein lieber Mensch fehlt

Er war sehr zurückhaltend und eigenständig und wollte nicht ständig Kontakt zu uns, auch nicht zu mir. Aber wenn wir uns trafen oder telefonierten, dann haben wir uns immer gut verstanden, wir hatten ähnliche politische Ansichten und konnten über ähnliche Dinge lachen.  Er kochte gut und wir konnten uns über Rezepte austauschen. Er liebte Blumen und arbeitete gern im Garten be seiner Schwester. Er lehnte harte Männlichkeit ab, fand sie lächerlich. Schon als kleiner, wenn auch immer schon ein sehr großer, Junge, hatte er keine Hemmungen bei Mutproben seinen Freunden zu sagen: Nein, das mache ich nicht davor habe ich Angst. Ich fand das schon damals mutig.

Lieber L. ich vermisse Dich, Du fehlst mir, uns allen. Hauptsache, dass er nicht gelitten hat, wird mir oft gesagt. Das soll sicher ein Trost sein und ich hoffe das auch. Aber die Hauptsache ist das nicht, Er ist nicht mehr da. Und das tut weh.

Ein trauriges Weihnachten – ein lieber Mensch fehlt

Ich habe in den vergangenen Tagen über eines viel nachgedacht und möchte allen Angehörige psychisch erkrankter Menschen sagen: Auch wenn unsere erkrankten Kinder manchmal extrem schwierig sind, wir uns Sorgen machen (müssen), wir auch manchmal wütend auf sie sind: Sie sind noch da, sie leben noch und wir haben auch schöne Zeiten mit ihnen. Wir können ihnen manchmal helfen, manchmal gibt es längere Zeiten des Schweigens, aber wir wissen, dass sie da sind. Wenn sie schweigen, dann muss das nicht immer bedeuten, dass sie uns nicht mehr mögen, sondern es kann auch sein – und das wünschen wir ihnen -, dass sie einfach mit anderen Dinge beschäftigt sind. Oder andere Menschen treffen.
Darüber sollten wir uns freuen. Denn wirklich traurig ist es, wenn eines unserer Kinder nicht mehr da ist.
Mein Weihnachten wird dieses Jahr eher traurig sein, aber meine jüngste Tochter unterstützt mich sehr, auch wenn sie ihren Bruder, mit dem sie zusammen aufgewachsen ist, ebenfalls sehr vermisst. Nach Weihnachten werden wir ihn in Frankfurt mit den Schwestern und anderen Verwandten und Freunden, beerdigen.

Ich wünsche allen Angehörigen ein schönes und krisenfreies Weihnachtsfest und ein Neues Jahr, in dem die guten Dinge überwiegen.

Janine Berg-Peer

Über Janine Berg-Peer

Seit 55 Jahren bin ich Angehörige: Meine Mutter litt an einer bipolaren Erkrankung und meine Tochter erkrankte vor 18 Jahren an Schizophrenie, heute sprechen die Ärzte von einer schizo-affektiven Erkrankung. Beide hatten und haben mehr gute Zeiten als schlechte, selten sind Menschen mit Krisengefährdung immer krank. Ich möchte Angehörige unterstützen, ihnen aus meinen Erfahrungen berichten und sie beraten. Ich freue mich trotz allem immer noch am Leben, lese viel und schreibe an meinem nächsten Buch, zusammen mit meiner Tochter! Ich liebe Bücher, Kartäuserkater, Rosen, Opern und Countertenöre, Filme, vor allem koreanische, japanische und chinesische, kann nicht Fahrradfahren. Ich wäre gern Léa Linster.

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